Soziales Engagement in der Lausanner Bewegung
Autor: Harald Sommerfeld, 22. April 2009, 17:41
Zu diesem Thema hat die Micha-Initiative einen Beitrag von Rolf Zwick veröffentlicht.
Gentechnik, Aids oder die Zunahme der Zahl alleinerziehender Mütter und Väter haben nach dem Verständnis vieler Christen nichts mit Evangelisation zu tun. Das sah man beim „Lausanne Forum 2004“ in Pattaya (Thailand) ganz anders.
Das Lausanne Forum hat, wie viele Veranstaltungen der weltweiten Lausanner Bewegung vorher, gezeigt, wie sehr politische und gesellschaftliche Themen mit dem Anliegen der Evangelisation verbunden sind, es sogar dringend notwendig ist, sich mit ihnen auseinander zu setzen, wenn Evangelisation gelingen soll. In insgesamt 31 unterschiedlichen „Issue Groups“, die allesamt kleine Konferenzen in sich waren, wurden zu den jeweiligen Themen auch gesellschaftliche und politische Fragen besprochen.
In vielen „Issue Groups“ wurde der Kontext diskutiert, in den hinein das Evangelium an den unterschiedlichen Orten der Welt gepredigt wird. Dabei wurde über postmoderne Phänomene, insbesondere in den westlichen Ländern genauso beraten wie in Bezug auf Lateinamerika, Afrika und Asien über die Auswirkungen der Globalisierung, der Aids-Epidemie, der Armut und des religiösen Nationalismus. Überall wurde deutlich, dass die Aufgabe der Evangelisation nur dann effektiv bewältigt werden kann, wenn die Christen die sozialen und politischen Fragen nicht verdrängen, sondern aktiv in die Verkündigung einbeziehen. Gleichzeitig gingen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen davon aus, dass Evangelisation nicht nur die angesprochene Person verändert, sondern auch die Umwelt transformiert …
Zwick führt viele Beispiele aus der Lausanner Bewegung an, in denen dieses Thema unter verschiedenen Aspekten behandelt wird. Dann geht er auf einen wichtigen Begriff ein.
Schlüsselbegriff Transformation
Der Begriff Transformation war einer der Schlüsselworte des gesamten Lausanne Forum 2004 in Pattaya. Während dieser Begriff im deutschen Sprachraum in Bezug auf Evangelisation kaum benutzt wird, wurde der Terminus im englischsprachigen Bereich spätestens 1983 auf einer Konferenz der Weltweiten Allianz in Wheaton (USA) zum Thema „The Church in Response to Human Need“ eingeführt.
Unter dem Titel „I will build my Church“ hieß es dort: „Gemäß der biblischen Sicht des menschlichen Lebens, ist Transformation der Wechsel von einer Existenz gegen Gottes Willen zu einem Leben, das die Fülle des Lebens in Einklang mit Gott selbst bedeutet (Johannes 10,10; Kolosser 3,8-15; Epheser 4,13).“ Seit dieser Zeit ist Transformation im Sinne einer ganzheitlichen Sendung als Begriff gebraucht worden, der die Integration von Evangelisation und Sozialem Engagement beschreibt. Dabei wird dieser Begriff sowohl für die Veränderung der Menschen als auch die Veränderung ganzer Gemeinschaften, Stadtteile, Dörfer oder sogar Städte gebraucht. Die Veränderungen erfolgen gemäß den Werten des Reiches Gottes, in dem wir Menschen handeln, reden und miteinander unser Leben gestalten. Es gibt keinen Lebensbereich, der für die Mission Priorität hat, weil die Herrschaft Jesu Christi für alle wirtschaftlichen, religiösen, persönlichen und politischen Aspekte des Lebens gleichermaßen gilt. Mission ist so Zeugnis in allen Bereichen des Lebens, mit einer kontextuell angemessenen Interpretation des Evangeliums …Bei der Beschreibung von Mission als Transformation geht es nun im Einzelnen um die folgenden Punkte:
1. Weder Evangelisation noch soziale Aktion können für sich stehen. Nur wenn beides zusammen kommt, geschieht Mission im Sinne Jesu (Johannes 20,21).
2. Mission darf nicht als Urteil oder gar Verurteilung von Menschen praktiziert werden. Vielmehr besteht Mission darin, mit anderen Menschen einen gemeinsamen Weg zu gehen. Mission ist daher weniger eine Veranstaltung als eine Reise, auf die wir andere Menschen einladen.
3. Mission als Transformation heißt Mission im Kontext. Danach gibt es keine objektive biblische Wahrheit, die nur auf das persönliche Leben angewandt werden muss. Schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche bestimmten auch sozio-ökonomische Gegebenheiten die theologischen Entscheidungen mit. Der Kontext bestimmt auch das Verständnis der Bibel.
4. Theologie muss mit der Praxis verbunden sein. Christen müssen an unterschiedlichen Stellen in ihrem sozialen Umfeld engagiert sein, um sich gerade in diesem Umfeld für eine Veränderung in Richtung eines erfüllten Lebens und nach den Grundsätzen der Liebe einsetzen zu können.
5. Transformation beginnt in der Gemeinde vor Ort. Dabei hilft es wenig, Dinge mit systematischer Theologie generell erklären und ausdrücken zu können. Vielmehr geht es um Gottes Geist, um Glauben, Hoffnung und Liebe wie sie im Umgang miteinander in der Gemeinde erfahrbar werden.
6. Mission ist Befreiung und das Erlebnis neuer Kraft. Die befreiende Kraft des Evangeliums gilt für alle, arm und reich, jedoch brauchen die Armen und die Benachteiligten sie mehr als andere.
7. Wenn immer das Evangelium in Bezug auf das gesellschaftliche Umfeld gepredigt wird, steht die Versöhnung im Mittelpunkt. Dabei geht es sowohl um Gottes Versöhnung mit uns als auch um die Versöhnung der Menschen untereinander. Praktische Versöhnung ist das mächtigste Zeugnis des Evangeliums.
8. Mission als Transformation bedeutet auch den Aufbau der Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu als Gemeinschaft der Veränderung und der Hoffnung.
Entsprechend formuliert die Schlusserklärung des Lausanne Forum 2004 in Pattaya:
„Wir erkennen an, dass wir immer wieder neu Umkehr und Umwandlung (Transformation) brauchen. Wir müssen uns immer weiter öffnen für die Führung durch den Heiligen Geist und für die Herausforderungen durch Gottes Wort. Es ist nötig, dass wir zusammen mit anderen Christen in Christus wachsen. All dies soll in einer Weise geschehen, die zu sozialer und wirtschaftlicher (gesellschaftlicher) Veränderung führt. Wir erkennen an, dass die Breite des Evangeliums und der Bau des Reiches Gottes Leib und Seele sowie Verstand und Geist brauchen. Deshalb rufen wir zu einer zunehmenden Verbindung von Dienst an der Gesellschaft und Verkündigung des Evangeliums auf.“
Der vollständige Beitrag von Rolf Zwick ist hier zu finden.
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Soziale Gerechtigkeit, Transformation
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