Das Wunder von Prenzlberg
Autor: Harald Sommerfeld, 5. Dezember 2007, 5:40
Eine evangelische Gemeinde wächst in wenigen Jahren um 4000 Mitglieder, die neu in die Kirche eintreten. Eine katholische Gemeinde erlebt sogar einen Zuwachs von 3100 auf 8500 Mitglieder. In einer anderen - eher nicht so großen - Gemeinde werden jährlich über 50 Taufen durchgeführt. Unter den Täuflingen sind 15 bis 20 Erwachsene. Gottesdienste werden von 200 bis zu 450 Leuten besucht. In der Presse beginnt man Notiz zu nehmen. Pfarrer, Soziologen und Journalisten sind gleichermaßen überrascht.
Diese Meldungen stammen nicht aus einem der christlichen Aufbruchgebiete dieser Erde, sondern aus einem Berliner Innenstadtbezirk. “Das Wunder von Prenzlauer Berg” überschrieb der Tagesspiegel vor einigen Wochen seinen Bericht. Nun ist dieses “Wunder” Titelstory des Veranstaltungsmagazins “tip Berlin” geworden. “Heimweh nach Gott” heißt der gut recherchierte und angenehm geschrieben Report.
Wie groß das “Wunder” ist, zeigen Vergleichsdaten der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid). Danach gingen die Mitgliederzahlen beider großen Kirchen in Berlin von 1994 bis 2004 dramatisch zurück (von 954.000 auf 745.000 in der Evangelischen bzw. von 342.000 auf 312.000 in der Katholischen Kirche). Nur noch 30 % der Berliner gehören einer Kirche an. Woher kommt der gegenläufige Trend im Prenzlauer Berg?
Verschiedene Faktoren werden genannt. Der Prenzlberg hat in den letzten Jahren einen demographischen Wandel erlebt. Aus Studenten sind “Bildungsbürger” geworden, die Familien gegründet haben. Andere junge Erwachsene mit guten Jobs sind aus dem Westen zugezogen. Vor allem der “Nestbau” scheint ein wichtiger Faktor bei der Rückbesinnung auf den Glauben zu sein. In einer christlichen Buchhandlung sind Bücher über Taufe und über Schutzengel gefragt. In seiner Ausgabe vom 4. November schreibt der Tagesspiegel (”Beispiel Prenzlauer Berg“):
Es sind vor allem junge Familien. Was wie ein singuläres Phänomen aussieht, könnte eine revolutionäre Erklärung haben. Im Sommer 2007 veröffentliche die US-Zeitschrift „Policy Review“ einen spektakulären Aufsatz (Mary Eberstadt: „How the West Really Lost God“) über den Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Fruchtbarkeit. Produziert der Glaube an Gott einen größeren Kinderreichtum? Oder ist es, so die These der Autorin, womöglich genau andersherum: Die Erfahrung von Geburt und Familie erzeugt eine gewisse Religionsaffinität?
… Sobald sie nun wieder Nachwuchs zeugen und Familien gründen, zieht es sie auch wieder zu Gott, wie derzeit exemplarisch in Prenzlauer Berg beobachtet werden kann.
Doch dies ist nur ein - wenn auch wichtiger Teil - der Erklärung. Es sind nicht nur “Wessis” und aufstrebende Berufseinsteiger, die den Weg in die Kirche finden. Es scheint, dass viele Menschen im Prenzlauer Berg wieder an ihre Erfahrungen in der DDR-Zeit anknüpfen. Wer sich damals zum christlichen Glauben bekannte und in der Kirche aktiv war, brauchte Mut und Konsequenz. Die Kirche spielte eine wichtige Rolle im demokratischen Widerstand gegen das Regime. Nach der Wende verlor sie für viele dieses Identifikationsmerkmal. Sie verlor einen großen Teil ihrer Anziehungskraft. Doch nun scheint es, dass viele sich auf ihre christlichen Wurzeln zurückbesinnen. Sie ziehen andere mit sich.
Dieser Trend berührt uns als Team von Gemeinsam für Berlin, weil unser Büro in diesem “Szenebezirk” liegt. In unserer Nachbarschaft beginnt geistlich etwas zu wachsen, das Hoffnungen weckt. Einige sind daran beteiligt, zu denen wir eine enge Beziehung haben - innerhalb und außerhalb der großen Kirchen. Der Bericht im “tip” erwähnt auch freikirchliche Gruppen wie das Familienzentrum Prenzlauer Berg, das Berlinprojekt (mit Gottesdiensten in einem alternativen Kino) und überkonfessionelle Einrichtungen wie die Christliche Freiwilligenagentur. Auch das ist erfreulich: der Autor strickt nicht mit heißer Nadel einen oberflächlichen Bericht, indem er ein paar Fakten googlet, ein einzelnes Szenario anschaulich beschreibt und zum Schluss noch ein oder zwei “Experten” befragt, sondern kennt sich aus und nimmt die Vielfalt kirchlichen Lebens im Bezirk wahr.
Es gäbe Weiteres zu berichten. Neben dem Boom institutioneller Kirchen, der in öffentlicher “Sichtbarkeit” stattfindet, gibt es Bewegungen an der Basis, die zu anderen Formen christlicher Präsenz führen. Christen ziehen in den Bezirk, lernen einander kennen, feiern Kneipengottesdienste oder beginnen auf andere Weise, in ihrem Umfeld wirksam zu werden.
2008 soll im Prenzlberg das erste evangelische Stadtkloster der Hauptstadt hinzukommen. Den Initiatioren war beim Erwerb des dafür vorgesehenen Gebäudes noch nicht bewusst, dass Gott im Prenzlauer Berg gerade “gute Karten hat”.
Vielleicht kann man aus all dem zwei Einsichten gewinnen.
1. Gott ist für Überraschungen gut. Auch wenn sich im Nachhinein soziologische und andere Erklärungen für den beschriebenen Trend finden lassen, so war er doch im Vorfeld nicht zu erwarten und nicht vorhersagbar. “Manchmal staunen wir selbst über den Zuwachs”, sagt einer der beteiligten Pfarrer. Unsere Zeit ist nicht die erste, in der der Untergang von Glaube und Kirche bereits hochgerechnet wurde. Aber in solchen Rechnungen gibt es immer einige Unbekannte, und “nach dem christlichen Glauben” war in der Geschichte schon manchmal “vor dem christlichen Glauben”.
2. Diejenigen Christen, die in Erwartung von “Erweckung” und “Aufbruch” leben (oder lebten), müssen ihre Vorstellungen von Transformation und geistlicher Erneuerung überdenken. Wenn ein Land ausgetrocknet ist, kann es auf verschiedene Art wieder fruchtbar werden - durch Regenfälle oder durch Grundwasser, mit dem es bewässert wird. Ein Wolkenbruch ist dramatischer, Grundwasser ist nachhaltiger. Es könnte sein, dass manche noch immer nach der Wolke Ausschau halten, die göttlichen Regen in unser Land bringt, während um sie her schon viel mehr wächst und blüht, als ihr himmelwärts gerichteter Blick sie wahrnehmen lässt.
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Pingback von Das Wunder vom Prenzlberg « Gebet für Berlin
Mittwoch, 5. Dezember 2007, 6:07
[…] ausführlicherer Text auf dem Transforum-Blog erscheinen wird. Heute ist der Beitrag erschienen: Heimweh nach Gott. […]
Kommentar von Barbara
Mittwoch, 5. Dezember 2007, 12:53
“Es könnte sein, dass manche noch immer nach der Wolke Ausschau halten, die göttlichen Regen in unser Land bringt, während um sie her schon viel mehr wächst und blüht, als ihr himmelwärts gerichteter Blick sie wahrnehmen lässt.”
starkes Zitat !
Dieser Artikel macht mehr als Mut !
Pingback von Gesellschaftliche Aspekte « dikosss blog
Mittwoch, 5. Dezember 2007, 17:41
[…] - Das verwundert: Die evangelische Kirche wächst um 4000 Mitglieder. Mitten in Berlin. Dazu der Beobachter HaSo im Transforum Berlin: […]
“Es könnte sein, dass manche noch immer nach der Wolke Ausschau halten, die göttlichen Regen in unser Land bringt, während um sie her schon viel mehr wächst und blüht, als ihr himmelwärts gerichteter Blick sie wahrnehmen lässt.”
find den satz auch klasse - er erinnert mich an ne ganze menge meiner freunde aus dem evangelikalen umfeld (und auch daran, dass ich früher auch so gedacht habe, und dass die versuchung so zu denken, immer wieder mal auftaucht).
scheint ein wirklich spannender artikel zu sein. muss den unbedingt noch besorgen. danke für deine gedanken und einsichten dazu.
Kommentar von Benjamin L.
Montag, 17. Dezember 2007, 22:13
Die Gemeinden im Prenzelberg wachsen zu einem nicht unerheblichen Teil durch Zuzügler. Ein Beispiel dafür ist neben Berlin-Mitte auch der Berliner Speckgürtel.
Zuzügler müssen aber auch von irgendwo her kommen. In diesem Fall aus anderen Regionen Berlins, wo es entsprechend weniger junge Familien gibt - was zur Folge hat, dass die dortigen Gemeinden weniger Chancen haben, durch junge Familien zu wachsen.
Wo das eigene Kind das einzige ist, gibt es für die Eltern wenig Gründe, die Gemeinde zu besuchen.
Weswegen die ganzen neuen, postmodernen-christlichen Aufbruchsbewegungen im Prenzlauer Berg gut daran täten, sich rechtzeitig in den anderen Teilen Berlins umzutun - um zu verhindern, dass eine geistlich blühende Landschaft auf der einen Seite ganz viel Wüste an anderen Stellen hinterlässt. Nur wer auch in seiner alten Heimat präsent ist, nimmt eine geistliche Verantwortung für die ganze Stadt wahr.
Pingback von Januar 2008 « Gebet für Berlin
Donnerstag, 27. Dezember 2007, 7:41
[…] der Berliner Presse über Christen: Das Berliner Verantsaltungsmagazin „Tip” machte mit „Sehnsucht nach Gott” den Anfang, gefolgt von der Morgenpost Serie über „Die zehn Gebote” und einem […]
Pingback von Puzzlestücke « dikosss
Montag, 21. April 2008, 19:00
[…] Er benutzte zum Thema “Erweckung” u.a. das Bild von einem steigenden, geistlichen Grundwasserspiegel. Wir würden oft das erweckliche Donnerwetter erwarten, aber Erweckung bestehe auch darin, dass […]
Pingback von Hasos Tafel » Das Wunder von Prenzlberg
Mittwoch, 18. Juni 2008, 11:37
[…] heute etwas von mir lesen möchte, kann das auf dem Blog von Gemeinsam für Berlin tun, auf dem ich einen überraschenden Trend in der Hauptstadt beschrieben […]